„Ich möchte ein Junge sein!“- Der verkannte Hilferuf vieler Mädchen

„Ich möchte ein Junge sein!“- Der verkannte Hilferuf vieler Mädchen

Menschen lassen sich biologisch klar dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen. Daraus ergeben sich auch Interessen und Neigungen für bestimmte Themen. So sieht es zumindest die Gesellschaft vor. Doch nicht alle bedienen dieses Klischee. Schon im Kindesalter streiten manche ihre Rolle als Junge oder Mädchen ab und imitieren das andere Geschlecht. Dieses auffällige Verhalten, dass bei Mitmenschen oft auf Unverständnis trifft, kann ein alarmierendes Anzeichen tiefgehender Konflikte sein.

Warum entscheidet die Geschlechtszugehörigkeit die Interessen?

Kleinkinder werden sich schon mit 1-2 Jahren ihres Genders bewusst. Wenige Jahre später verinnerlichen sie auch die Geschlechterkonstanz, also die Beständigkeit ihrer Zugehörigkeit. Aber steuert unser Unterbewusstsein automatisch unsere Vorlieben für Autos oder Puppen? Hat die Rollenteilung, die bereits in der Steinzeit existierte, unser Gehirn auf einen Jäger oder auf eine Hausfrau gepolt? Studien fanden heraus, dass Jungen schon im früh einen ausgeprägten Bewegungsdrang besitzen.

Möglicherweise ist dieses Phänomen auf die unterschiedliche Anatomie zurück zu führen. Männer bilden mehr Muskelmasse und haben deshalb einen höheren Grundumsatz. Außerdem ist bewiesen, dass die Verknüpfung der Gehirnhälften bei Männern und Frauen verschieden funktioniert. Somit besitzen Männer eine schärfere Wahrnehmung und Koordinationsfähigkeit, während Frauen einfühlsamer im sozialen Umgang sind.

Andere Forscher halten Vorbilder für den richtungsweisenden Faktor. Da Kinder schon früh zwischen männlich und weiblich unterscheiden können, schauen sie sich das Verhalten des gleichgesinnten Geschlechts ab. Hinzu kommen vorgegebene Verhaltensmuster und Idealvorstellungen dieser Vorbilder. Während einem Mädchen ein Auto eventuell weggenommen wird, erhält es Bestätigung, wenn es stattdessen zu einer Puppe greift.

Ausnahmeverhalten

„Du bist aber ein niedlicher Junge.“ „Bin ich gar nicht. Ich bin ein Mädchen.“ Diese Offenbarung macht die Niedlichkeit mit einem Mal zunichte. Viele Erwachsene reagieren bestürzt, fast fassungslos, wenn sie ein Mädchen nicht als dieses erkennen können. Einen Vorwurf kann man ihnen bezüglich ihrer Wahrnehmung nicht machen. Manchmal kleiden sich Mädchen wie ihre männlichen Spielkameraden, tragen kurze Haare und toben wild herum. Vor der körperlichen Entwicklung fällt es unter diesen Umständen wahrlich schwer, sie als Mädchen zu identifizieren.
Jeglicher Versuch, sie umzustimmen, scheitert. Kinder mit diesem Verhalten entwickeln eine starke Abneigung gegen typische Merkmale ihres Geschlechts. Sie passen sich bis ins letzte Detail an, finden Mädchensachen wie Röcke oder Ballett eklig und möchten am liebsten als Junge behandelt werden.

Das Verhalten birgt Konfliktpotenzial

Für Außenstehende ist der Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, oft unbegreiflich. Betroffene Mädchen ernten Missbilligung, sowohl von Erwachsenen als auch von Gleichaltrigen. Über die Verachtung der anderen Mädchen können sie bisweilen hinwegsehen. Oft bestätigt sie diese Antipathie in der Auffassung, dass Mädchen blöd sind. Komplizierter wird es erst, wenn auch Jungen sich über das Verstellen lustig machen.

Wenn die Gruppe, der es angehören möchte, seine Bemühungen nicht anerkennt, bricht für das Mädchen häufig eine Welt zusammen. Zudem gerät es immer weiter in die Rolle eines Außenseiters. Je mehr man jedoch versucht, ihm den richtigen Weg aufzuzeigen sperrt sich die Betroffene umso stärker.
Selbst wenn Jungen im Kindergartenalter keinen Unterschied machen und das Mädchen aufnehmen, wird es mit den Jahren schwieriger mitzuhalten. Bald kann es aufgrund körperlicher Nachteile im Sport nicht mehr mithalten.

Noch verhängnisvoller wird es in der Pubertät, wenn sich der weibliche Körper sichtbar verändert. Hinzu kommt, dass sich auch die Interessen der Jungen verändern. Jahrelang war man der Star in einer Jungenclique und wurde für sein taffes Verhalten bewundert. Doch plötzlich werfen die Freunde ein Auge auf die übrigen Mädchen, die vor Monaten noch zickig und sensibel waren. Nun muss sich die Betroffene einem gewaltigen inneren Konflikt stellen. Einerseits möchte sie stark sein und ihr eigenes Ideal weiter verfolgen, andererseits sieht sie auch, dass sie so nicht weiterkommt und unzufrieden, manchmal sogar neidisch auf die anderen ist. Der Schritt zurück in die typische Mädchenwelt ist für eine für Außenstehende nicht sichtliche Hürde.

Wie kommt es zu der Verhaltensauffälligkeit?

Manche Menschen merken schon früh, dass sie im falschen Körper geboren wurden. Der Wunsch, ein Junge zu sein, kann jedoch noch andere Ursachen haben. Häufig weisen die Mädchen so unbewusst auf Missstände im sozialen Umfeld hin. Besonders Scheidungskinder sind betroffen. Sie haben Angst der neue Partner könnte ihnen die Mutter wegnehmen und müssen deshalb stark sein und sie vor ihm „beschützen“. In anderen Fällen geben sie der Mutter die Schuld an der gescheiterten Ehe und möchten es besser machen, indem sie das weibliche „Getue“ ablegen. Oder es geht ihnen allgemein darum, Aufmerksamkeit zu erhalten.

Schwerwiegende Folgen

Durch den immer größer werdenden Druck der Gesellschaft ziehen sich die Betroffenen zurück. Sie hinterfragen einerseits ihr eigenes Verhalten, aber auch das der anderen und geraten in einen Teufelskreis aus Unentschlossenheit. Meistens verschlimmern sich die Symptome und arten in Depressionen oder Suchtverhalten wie Essstörungen aus.
Auch die Erziehungsberechtigten sind oft leidtragend. Manche verstoßen ihr Kind, andere Familien brechen völlig auseinander. Vorwürfe und Hass prägen die Verhältnisse.

In solchen Konfliktsituationen ist es schwierig, jemandem die Schuld zu zuweisen. Gemeinsam muss man Lösungen finden, die vor allem in der ganzen Gesellschaft umgesetzt werden sollten. Vorrangig gilt zu vermeiden, dass Mädchen, die sich nicht als solche behandelt werden möchten, an den schlimmen psychischen Folgen erkranken. Denn oftmals steckt mehr dahinter, als man auf Anhieb erkennen kann.

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